Die Sozialpsychologie des Gehorsams

TEIL 1

Mein Dank gilt einem ganz besonderen Menschen, der mich mit seinen Gedanken und Ideen zu diesem Text bewegt und dazu beigetragen hat.

Die Motive der Täterinnen und Täter, die in der Tötungsmaschenerie des nationalsozialistischen Regimes dabei halfen Jüdinnen und Juden in die Vernichtung zu treiben, sind bis heute unklar. Die Frage wie aus Bürgerinnen und Bürgern der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft, gewissenhafte Nazis werden konnten beschäftigt sowohl die Wissenschaft als auch die mediale Öffentlichkeit. Erklärungen die sich dabei vorallem auf die ökonomische und politische Situation Deutschlands beziehen sind bei der Beantwortung dieser Frage in den meisten Fällen sehr ein- oder zweidimensional und ihre Prämissen umbefriedigend.

Die Schwierigkeit die sich aus der Frage ergibt, wie und warum Menschen in Deutschland zu gewaltätigen Antisemit*innen wurden, besteht vorallem darin, die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb eines Staates nachzuzeichnen, der in dieser Form nur kurz bestand hatte. Eine der vielen Fallen die sich bei der Beantwortung dieser Frage stellen, ist der Rückgriff auf individualpsychologische Erklärungen, die zwar leicht zur Hand gehen, aber gesamtgesellschaftliche Verhältnisse und psychosoziale Prozesse aus dem Blick verlieren.

Eine vielschichtigere Erklärung müsste zum Einen die lange Tradition und die Wirkung des Antisemitismus in Deutschland und zum Anderen die psychologischen Funktionen von Volksgmeinschaft und Gehorsam in das Zentrum ihrer Untersuchung stellen.

Die Gefahren die sich praktisch bei jedem Rückblick auf die Vergangenheit, sei es in wissenschaftlicher oder alltäglicher Analyse aufdrängen, sind die Projektion gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse auf Vergangene und Hindsight Bias, die den Anschein erwecken, es hätte keine anderen Auswege aus der Geschichte geben können. Denn weder ist die gegenwärtige deutsche Gesellschaft, trotz postnationalsozialistischer Kontinuitäten, unmittelbar mit der nationalsozialistischen Gesellschaft zu Vergleichen, noch können auf der Basis gegenwärtiger Verhältnisse Vergangene nachgezeichnet werden. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, die sozialen und interpersonellen Zusammenhänge zu rekonstruieren, die zu dem Übernehmen antisemitischer Ressentiments und dem teilweise unhinterfragten Gehorsam der deutschen und europäischen Helferinnen und Helfer geführt haben

Die Soziologie des Antisemitismus

Wenn wir uns die Frage stellen, warum Menschen zu bereitwilligen Helfer*innen eines offen antisemitischen Regimes werden, müssen wir zuerst einen genaueren Blick auf die Tradition und die Wirkungsweise des Antisemitsmus werfen.

Klassifikationen von Personen entstehen immer in Mitten eines gesellschaftlichen Zusammenhangs und sind nicht von ihnen zu lösen. Soziale Institutionen etablieren beispielsweise spezifische und funktionale Kategorien, die schließlich zu Stereotypen und Vorurteilen führen. Die Klassifikation einer Person beinhaltet dabei aber nicht nur eine strukturelle Einordnung durch soziale Institutionen, sondern auch intersubjektive Kategorien die zu einer normativen Erwartungshaltung führen, die an den angeblichen Merkmalsträger oder die Trägerin herangetragen wird. Eben diese intersubjektiven, das heißt gesamtgesellschaftlich geteilten Perspektiven oder Denkstrukturn sind in unserem Fall von Bedeutung. Denn mit dem Vorturteil des Antisemitismus, haben wir es mit einem Stereotyp zu tun, dass sich aufgrund seiner langen deutschen Geschichte tief in die gesellschaftliche Wahrnemung der Individuen eingeschrieben hat und im Dritten Reich schließlich einen Wandel durchläuft, der in eine ungeahnte und historisch bisher nie dargebotene Grausamkeit mündet.

Zur Beschreibung dieses Ausgrenzungsprozesses kann hier Goffmans Stigmakonzeption herangezogen werden. Dieses impliziert eben keine spezifischen Merkmale oder Eigenschaften, anhand derer eine Person diskriminiert wird, sondern beschreibt einen gesellschaftlichen, definitorischen Prozess, der ein Attribut negativ konnotiert und damit die gesamte Person diskreditiert, also abwertet. Die stigmatisierenden Attribute fallen durch das gesellschaftliche Raster, so dass man sich von dem betreffenden Individuum abwendet, ihm Respekt und Anerkennung versagt und seine Lebenschancen damit wirksam einschränkt. Ob ein Attribut als negativ beurteilt wird oder nicht, hängt dabei einzig und allein von dem Diskurs innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes ab.

Wennn wir uns nun eben diesen Diskurs innerhalb der deutschen Gesellschaft anschauen, fällt auf, dass antisemitische Positionen schon damals eine lange Tradition hatten und gesellschaftlich weit verbreitet waren. Warum aber wandeln sich diese antisemitischen Einstellungen erst mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialistinnen in massenhafte, manifeste Verfolgung und Ausgrenzung ?

Die Stigmatisierung von Jüdinnen und Juden, oder besser Antisemitismus impliziert eine lange Tradition von Vorurteilen und Ausgrenzungspraktiken, die weit ins Mittelalter zurückzuverfolgen sind. Das Dritte Reich bietet nun einen Bezugsrahmen, der den sowieso schon vorhandenen antisemtischen Positionen eine legale und wissenschaftliche begründete Basis verschafft. Ein Stigma muss, nach Goffman, beispielsweise normativ, wissenschaftlich oder auch juristisch bestätigt werden, umso gesellschaftlich als legitimiert zu werden. Die institutionelle oder gesetzliche Ebene muss durchlaufen werden damit eine soziale Konstruktion der gesamten Wirklichkeit entsteht, die nicht nur die sozialen Interaktionen, sondern die gesamte gesellschaftliche Wahrnehmung umfasst.

In der damaligen Wissenschaftskultur gehörte nun die Rassenlehre zum allgemeinen Kanon, das heißt die Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen wurde empirisch, experimentell etc. pp. begründet. So erfolgte die Einteilung der Individuen in verschiedene Rassen und ermöglichte so eine Bewertung, Entwertung, also kurzum eine Objektivierung der Individuen und ihre totale Entmenschlichung.

Da wo vorher also antisemitische Ressentiments in der gesellschaft weit verbreitet waren, beginnt durch den Diskurs im Nationalsozialismus ein neuer definitorischer Prozess und daraus resultierend eine andere Sinnsetzung, die den Juden nicht nur feindselig gegenüber steht, sondern ihnen nun auch jede Menschlichkeit abspricht. Mit diesem Beispiel soll also gezeigt werden, wie eine zunächst scheinbar harmlose Zuschreibung, also ein Stigma, welches nicht reflektiert und kritisch betrachtet wurde, unter dem nationalsozialistischen Regime dazu führte den Menschen ihre Menschlichkeit abzuerkennen.

Im Nationalsozialismus erscheinen Jüdinnen und Juden nicht mehr als Menschen sondern als entmenschlichte Wesen, die es als wesensfremde Rasse zum eigenen Wohl zu vernichten galt. Infolge der Logik dieser Wahrnehmung erscheint es als selbstverständlich, dass Juden und Jüdinnen vor der Gesllschaft nicht mehr als Menschen erscheinen, sondern als Aussätzige und Unberührbare.

Darüber hinaus wurden Jüdinnen und Juden von der Wissenschaft nicht nur als wesensfremde Rasse klassifiziert, sondern sie wurden auch mit der abstrakten, nichtfassbaren Seite des Kapitals assoziiert. Dieses Bild, des zinsraffenden Juden bestimmte die Poltik im Nationalsozialismus und erfüllte die Sündenbockfunktion, die Elend und Vereinzelung in der modernen kapitalistischen Gesellschaft fassbar machte. Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kaptial erschien nun als personifizierte Projektion in Form von entmenschlichten Subjekten am Rand der Gesellschaft, die zum Wohl des eigenen Volks vernichtet werden mussten.

Dieser neue definitorischer Prozess hatte zur Folge, dass sich die Stigmatisierung von Juden und Jüdinnen tief in die gesellschaftliche Wahrnehmung einschreiben konnte. Juden und Jüdinnen erschienen für die Gesellschaft nur noch als überschüssige Objekte am Rande der Gesellschaft. Rückhalt für Verfolgung und Tötung bot das Gesetzt, dass Jüdinnen und Juden auch juristisch alle Rechte entzog.

Peter Scholl-Latour und der Antisemitismus

„Wenn man über die Hamas redet, natürlich sind da auch heikle Burschen dabei“0

Die Diskussion um Jacob Augstein, die in den vergangenen Monaten und Wochen in der deutschen Öffentlichkeit geführt wurde, ist durchaus sinnvoll und wird mit gutem Grund geführt. Interessant ist, dass Jacob Augstein und seine Positionen zum Staat Israel eine breite bürgerliche Resonanz gefunden haben, während andere Autoren mit ähnlichen Ansichten kaum Beachtung finden.

Ein Beispiel für solch einen Autoren ist Peter Scholl-Latour. Im Jahre 2012 veröffentliche der Journalist sein Buch „Die Welt aus den Fugen – Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart“1, in dem er über globale Konflikte und Umbrüche berichtet. In einem Zeitraum von vier Jahren nimmt er dabei einen thematisch weitreichenden Überblick vor, der sich über nahezu alle Kontinente erstreckt.

Afrika, Asien, Europa, Amerika und der nahe Osten

Eine der Schwerpunkte in seinen Berichten ist die arabische Revolution. Israel und der Gaza-Streifen finden vergleichsweise selten Erwähnung, dennoch lohnt sich, da wo er sich zu diesem Konflikt äußert, ein zweiter Blick.

In jedem Artikel in dem der Staat Israel erwähnt wird, erscheint er als der Aggressor und die Hamas als kaum ernstzunehmender Akteur in einem „asymetrischen Krieg“2. Die Raketenangriffe der Hamas gelten dem Autoren als „ziemlich klägliche Provokationen“3 und die Hamaskämpfer als „kaum bewaffnet“4. Israel hingegen wird für die Unlösbarkeit des Konflikts verantwortlich gemacht: „Die Tatsache, dass die USA und die Europäische Union sich überreden ließen, die Hamas […] zur ‚verbrecherischen Organisation‘ zu erklären, verbaut ihnen das Gespräch, das eine Befriedigung bewirken könnte“5.

Israel gilt als Drahtzieher und Verursacher verschiedener Auseinandersetzungen, so vermutet der Autor in seinem Buch unter anderem, dass „die El-Aqsa-Brigaden, die viel kämpferischer sind als die eigentliche politische Fatah-Struktur, unterwandert sind durch den israelischen und den amerikanischen Geheimdienst“6. Der Versuch die israelische Blockade des Gaza-Streifens zu durchbrechen war laut dem Journalisten ein „schockierenden Zwischenfall […], dem eine Gruppe europäischer Friedensaktivisten ausgesetzt war“. Kein Wort von den islamistischen Gruppierungen und den Waffenfunden an Bord der Schiffe, die sich vor drei Jahren auf den Weg nach Gaza gemacht hatten.

Nicht nur die Hamas sondern auch die Gefahr die vom Iran und seinem Nuklearprogramm ausgeht wird bei Peter Scholl-Latour systematisch verharmlost7 und auch hier erscheint Israel wieder als der Aggressor, der versucht „seine amerikanischen Freunde für einen vernichtenden Präventivschlag gegen die Nukleareinrichtungen Irans zu gewinnen“8. Als Konsequenz fordert der Autor sogar die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran9.

Die Positionen des Journalisten sind nichts Neues

Bereits im Januar 2009 hatte der Autor seine Position zu Israel und der Hamas in der Radio-Bremen-Talkshow “3nach9″ deutlich gemacht. Eine Zitatesammlung Scholl-Latours aus dieser Sendung würde genügen, wenn man ihm jenes nachweisen wollte, was er gegen Ende eben jener Talkshow vehement bestreitet.

Es fängt damit an, dass Peter Scholl-Latour die Israelis schon zu Beginn der Debatte über den Gaza-Krieg belehrt: „Die Israeli wissen gar nicht was sie sich da antun“; „Sie verlieren sehr viel an ihrem Prestige“10. Kurz darauf kommt er dann im Laufe seiner wirren Argumentation zu einem ersten verblüffenden Schluss: „Es ist […] Israels nicht würdig diesen Krieg gegen eine Bevölkerung zu führen, die praktisch keine Waffen hat“. Die Moderation, die sich offenbar auch nicht erklären kann, wie „einer der letzten Welterklärer“ (Ankündigung der „3nach9“ Sendung) zu dieser Erkenntnis kommt, stellt daraufhin die Nachfrage, ob der Journalist tatsächlich der Meinung sei, die Hamas würde über keine Waffen verfügen. Ein paar Raketen will Peter-Scholl-Latour der Hamas dann doch nicht absprechen aber „im Grunde rechtfertigt es nicht dieses militärische Engagement“.

Es wirkt schon etwas hilflos, dieses Gestammel eines alten Mannes, der offenbar noch nicht wirklich begreift, in welche Ecke er sich selbst mit diesem Geschwätz drängt. Dies will er selbst dann noch nicht einsehen, wenn sich das Gespräch um die islamistische Terrorgruppe Hamas dreht und er dem Publikum und den Talkshowgästen zu bedenken gibt: „Es gibt auch den Ausdruck Widerstandskämpfer […] Die französische Résistance wurde auch als Terroristen bezeichnet“.

Unvorstellbar wäre diese Diskussion, wenn es sich um einen anderen Staat handeln würde und Peter Scholl-Latour würde sich in einem öffentlichen, deutschen Fernsehinterview zu der Aussage hinreißen lassen, Raketengriffe auf diesen Staat rechtfertigten keine militärische Intervention. Die Aufregung wäre groß und niemand würde verstehen warum ein Mensch wie Peter Scholl-Latour die Souveränität dieses Staates und seine Selbstverteidigung anzweifelt. Es handelt sich aber um Israel und nicht um irgendeinen anderen Staat und diese Tatsache genügt anscheinend um in der deutschen Öffentlichkeit ordentlich Applaus zu ernten, dafür das man wieder ein Tabu bricht und dass „fälschlicherweise für politisch korrekt gehaltene Bild“ Israels an zu kratzen wagt11.

Günter Grass, Judtih Butler, Peter Scholl-Latour, Jacob Augstein

Allen gemeinsam ist, neben ihren antisemitischen Äußerungen, dass sie von der deutschen Öffentlichkeit, vehement in Schutz genommen werden12. Die missliche Lage, in die sich Peter Scholl-Latour selbst hinein gebracht hat, wird in Blogs und Zeitschriftartikeln einvernehmlich seiner Gegenspielerin zugeschrieben. Entgegen jeder antisemitischen Äußerung des Journalisten, die zweifelsohne von ihm geäußert wurden ohne dass ihn jemand dazu gedrängt hätte, ist es die Jüdin, die für diese Misere verantwortlich gemacht wird: „Es ging um den den Krieg im Gaza und die Propaganda einer eigentümlichen Israel-Botschafterin auf Zeit. Diese hatte mit plumper Agitation Scholl-Latour in ein Israel-feindliche Ecke gestellt“13. Es sollte klar sein, dass Peter Scholl-Latour sich mit dem Vergleichen der Hamas und französischen Widerstandskämpfern ganz alleine in eine antisemitische Ecke gestellt hat.

Am Ende der Sendung gibt der Autor dann noch eine seiner beliebten Prophezeiungen ab, die sich leider nicht bewahrheitet hat: „Ich sehe mich doch morgen schon in der Zeitung stehen, als Antisemit“

[0] Peter Scholl-Latour in „3nach9“ Sendung

[1] An diesem Buch gibt es sicherlich viel zu kritisieren. Ich konzentriere mich hauptsächlich auf die Positionen des Autors zu Israel und der Hamas

[2] Peter Scholl-Latour: Die Welt aus den Fugen. Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart, S.155

[3] Ebd. S. 147

[4] Ebd. S.156

[5] Ebd. S. 148

[6] Ebd. S.157

[7] Ebd. S.176

[8] Ebd. S.166

[9] Ebd. S.177

[10] Peter Scholl-Latour in „3nach9“ Sendung

Video auf Youtube:
Erster Teil – http://www.youtube.com/watch?v=U8zK-hNYf4s
Zweiter Teil – lhttp://www.youtube.com/watch?v=yueQFcmbonk

Sofern nicht anders gekennzeichnet stammen alle folgenden Zitate von Peter Scholl-Latour aus dieser Sendung

[11] http://www.readers-edition.de/2009/01/17/peter-scholl-latour-leiden-bei-3nach9/

[12] Eine Öffentlichkeit, die sich jenseits von Dossiers und Zeitungsrtikeln äußert

[13] http://meedia.de/fernsehen/scholl-latour-ich-wurde-in-die-falle-gelockt/2009/01/19.html

Karsten Hohage und die Verbindungen

Karsten Hohage war „früher selbst Verbindungsstudent“, gelernt hat er daraus offensichtlich nichts.

In einem Interview mit der Zeitschrift „Spiesser“1 beschreibt der Poetry-Slammer seine Erfahrungen mit den Männerbünden während seiner Studienzeit. „Weder beschönigt noch verharmlost“ will Karsten Hohage in seinem Buch „Männer-Wg mit Trinkzwang“ über die Verhältnisse in deutschen Verbindungen berichten. In Interviews verbringt er vor allem viel Zeit damit, sich zu Rechtfertigen.

Auf die Frage nach Geschlechterverhältnissen in Verbindungen, bekundet er, dass er für gemischte Studentenverbindungen nichts übrig habe mit der Begründung: „Frauen trinken oft einfach Sekt anstelle von Bier“ und „viele Traditionen werden in abgewandelter Form kopiert“. Mit diesem Paradebeispiel für Sexismus und stereotypen Geschlechterrollenzuschreibungen in deutschen Verbindungen will Karsten Hohage also darauf aufmerksam machen, dass es „einen ganz großen Teil langweiliger, normaler Verbindungsstudenten gibt“. Dass auch langweilige, normale Männer ein Frauenbild aus dem 19. Jahrhundert pflegen können, hätte er damit wohl bewiesen.

Nicht nur die Ausgrenzung von Frauen scheint Hohage wichtig zu sein, sondern auch die lange Tradition der Männervereine sieht er in der Anwesenheit von Frauen gefährdet. Dass Vorstellungen von einer eingeschworenen Gemeinschaft, die als Lebensbund konzipiert ist, einer Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung im Wege stehen, sieht er nicht. Im Gegenteil lobt er das „Gruppengefühl“, dass die Verbindungsbrüder zusammenhalte. Dieses Gruppengefühl wird allerdings in erster Linie durch die Bildung von Eliten unterstützt, die sich über das Studium hinaus zur Seite stehen. Karsten Hohage nennt das eine „Freundschaft“, die so stark ist, dass er noch immer zu seiner Verbindung stehe. Dass die Unterwerfung unter die Prinzipien der Verbindung verpflichtend ist und die finanzielle Unterstützung nach dem Studium der Regelfall und keine nette Gefälligkeit ist erwähnt er dabei natürlich nicht. Die Unterordnung unter eine strenge Hierarchie (vom „Fux“ bis hin zum „Alten Herren“) und die Eingliederung in eine Gemeinschaft bis zum Tod haben nach Karsten Hohage nichts mit autoritären Zusammenschlüssen zu tun sondern viel mehr mit Freundschaft und Zusammenhalt.

Der Anspruch des Autors, differenziert und reflektiert auf deutsche Verbindungen zu blicken, verwandelt sich im Laufe des Interviews in immer mehr Rechtfertigungen und Relativierungen. Dies zeigt einmal mehr, dass studentische Verbindungen in der deutschen Öffentlichkeit immer noch verharmlost und verniedlicht werden. Die Intention des Autors scheint offensichtlich zu sein, denn der Untertitel seines Buches lautet: „Wie ich in einer Verbindung landete und warum das gar nicht so schlimm war“

[1] Franka Pohl, „Trinken wir Bruderschaft ?“, in: Spiesser, Dezember/Januar 2012/2013 Nr. 144

Magnus Klaue und der Kampf um stilistische Nuancen

Alte Ressentiments und Polemik gegen eine geschlechtersensible Sprache

In einem Artikel in der Konkret1 und in einem Kommentar in der aktuellen Jungle World2 schreibt Magnus Klaue fleißig gegen das Gender-Mainstreaming und ist sich dabei nicht zu schade, massenhaft alte Klischees zu Papier zu bringen.

In der Konkret schreibt er gleich zu beginn, dass diejenigen, die geschlechtersensible Sprache verwenden, glauben „mittels der Sprache, da sie doch wirklichkeitskonstituierende Kraft habe, gleich auch die Gesellschaft verändern zu können“ um später den pathetischen Schluss zu ziehen: „Das Bemühen um die korrekte Sprache hat die Sehnsucht nach dem besseren Leben erstickt.“

Wäre dieser Vorwurf nicht so alt wie die Genderdebatte selbst, man wäre versucht ihm etwas zu entgegnen. Tatsächlich wird kaum noch ein*e Vertreter*in der Queertheorie behaupten, mit geschlechtergerechter Sprache ließe sich die Welt verändern, denn anders als Magnus Klaue es unterstellt, wird Sprache meistens als das begriffen, was es auch für ihn selbst ist, nämlich als Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen, in diesem Falle also hegemonialer Männlichkeit.

Magnus Klaue behauptet: „Sprache gilt ihnen nicht als Ausdrucksform, in der sich die Erfahrung einer widersprüchlichen Wirklichkeit kristallisiert, sondern als »Konstruktion«“

Dass Sprache als Konstruktion begriffen wird, möchte in nicht bezweifeln. Ein feiner, aber in diesem Kontext wichtiger, Unterschied stellt allerdings der Begriff der „Konstitution“ dar, den Magnus Klaue in seinem Konkret Text vorher synonym dazu gebraucht. Das Sprache Wirklichkeit konstituiert, also Geschlechterverhältnisse eigenständig erzeugen kann, wird wahrscheinlich niemand ernsthaft behaupten.

Eine „Ausdrucksform, in der sich die Erfahrung einer widersprüchlichen Wirklichkeit kristallisiert“ ist Sprache in jedem Fall, allerdings ist sie in ihrer üblichen Form nicht in der Lage, diese Widersprüchlichkeit auch darzustellen. Sie ist auf eine hermetische Masse männlicher Subjekte verengt, die alle Subjekte, die sich außerhalb dieser Masse befinden, völlig ausklammert.
Insofern ist das generisches Maskulinum auch nicht Ausdruck einer widersprüchlichen Realität, sondern ihr genaues Gegenteil und zwar die Verkehrung sozialer Wirklichkeit.

Diese Verzerrung der Wirklichkeit nimmt Magnus Klaue anscheinend gerne in Kauf, wenn es um die Bewahrung von stilistischen Nuancen geht. Leider ist der Autor nicht im Stande zu erklären warum der Verzicht auf das generische Maskulinum stilistischen Nuancen im Weg stehen soll oder warum sich „individuelle Idiosynkrasien“ in der ausschließlich männlichen Variante von Sprache besser ausdrücken lassen.

Stattdessen phantasiert er von einer „totalen Anpassung“ und der absoluten Dekonstruktion. Dass ein paar Unterstriche dazu im Stande sind, klingt mehr als abwegig.

[1] Magnus Klaue, „Das sogennante Ich“, in: Konkret, 1/2013
[2] Magnus Klaue, „Total neutral“, in: Jungle World, 3. Januar 2013

Thomas Maul und der Feminismus

Der Vortrag von Thomas Maul mit dem Titel „Sex und Scharia. Zum Geschlechterverhältnis im Islam“ sollte am 27.06.2011 im Rahmen der Reihe „Islam, Islamismus und die Linke“ an der Uni Marburg stattfinden. Der Vortrag wurde nach Protesten der Linken zuerst abgebrochen und später in Berlin wiederholt. Er kann hier nach gehört werden: Thomas Maul

Im ersten Teil seines Vortrags spricht Maul über das Geschlechterverhältnis im Islam, im zweiten Teil, auf den hier Bezug genommen wird, referiert er zum Thema Feminismus in Deutschland.

Der polemische Vortrag von Thomas Maul zum linken Feminismus macht seinem Namen alle Ehre, vorallem darin, dass er in erster Linie eine Polemik ist und mit einer fundierten Kritik oder gar einer Analyse „des“ Feminismus nicht das geringste zu tun hat. Im Vortrag wird der Feminismus, der aus vielen verschieden Strömungen mit unterschiedlichen Ausrichtungen besteht, in keinem Fall analysiert sondern entspringt viel eher der wahnhaften Phantasie des Referenten, der vor allem ein tiefer gehendes pathologisches Problem mit emanzipierten Frauen zu haben scheint.

Völlig wahnhaft betreibt Maul eine idealistische Texthermeneutik, die ihm völlig zurecht unterstellt wird, wenn er willkürlich Flyer einer feministischen Gruppe heraus greift, denen er dann anhand des Textes unterstellt sie würden ihm in Diskussionen sicher den Mund verbieten und wären selbst latent sexistisch. Die unhaltbaren Vorwürfe die er dabei gegen die feministischen Bewegung erhebt sind nicht nur pauschale Verurteilungen die in seine wahnhafte Vorstellung einer Männer unterdrückenden feministischen Linken passen, sondern sie sind auch ein Zeichen dafür, dass er die unterschiedlichen feministischen Strömungen nicht nur nicht verstanden hat, sondern nie die Absicht hatte sich in einem tieferen Sinne mit ihnen zu befassen.

Sein Hauptargument gegen den Feminismus ist, dass das Programm feministische Strömungen längst schon offizielle Staatsagenda ist und somit obsolet geworden wäre. Würden man dieser Logik allerdings folgen, dann hätte sich auch die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Solidarität mit Israel längst erledigt. Diese sind auch schon seit Jahren zentrale Themen der Staatsagenda und genauso halbherzig und widersprüchlich wie sich der deutsche Staat mit diesen Themen befasst, tut er es auch mit dem Feminismus. Nur weil der Staat glaubt er hätte den Feminismus für sich entdeckt, hat sich die Sache damit für alle Frauen und Männer noch lange nicht erledigt. Der Staat kam auch nicht von alleine auf die Idee sich mit feministischen Themen auseinander zu setzen sondern auch dies ist das Ergebnis jahrelanger feministischer Kämpfe, die mit gutem Grund noch nicht aufgehört haben.

Dem Vorwurf der Texthermeneutik, der schon öfter an ihn herangetragen wurde, stellt sich Thomas Maul am Anfang seines Vortrags ganz explizit und ausführlich. Seine Argumentation ist allerdings mehr als schwach. Er weist den Vorwurf der Texthermeneutik mit der Begründung zurück, auch in den Geschichtswissenschaften wäre diese Praxis als Analyse historischer Quellen anerkannt. Allerdings analysiert Maul in seinem Vortrag an keiner Stelle irgend einen historischen Text, den er aus Ermangelung ander Quellen benutzen müsste. Er entschließt sich ganz bewusst dazu, nicht auf die Theorien des modernen Feminismus zurückzugreifen, sondern stattdessen völlig willkürlich den Flyer einer X-beliebigen feministischen Gruppe heraus zugreifen und diesem dann das zu unterstellen was es zu bewiesen gilt. Er unterstellt dem Feminismus intelligenten, potenten Männern im Namen der Gleichberechtigung das Wort zu verbieten um so weniger befähigten Frauen den Vorrang zu gewährleisten.

Thomas Maul verwechselt anscheinend männliche Dominanz mit dem Begriff des Intellekts. Intelligenz kann sich nämlich durchaus äußern ohne laut zu werden oder anderen das Wort zu verbieten. Maul scheint sich eher nach Zeiten zurück zu sehnen wo das Recht des Stärkeren wieder etwas gilt und sich diejenigen nicht durchsetzten können, die dazu angeblich nicht befähigt sind.